SP DEZ 2001 Seite 4

Landwirtschaft und Vogelschutz

 

(dh) Der multifunktionale Landwirt ist zum neuen Leitbild geworden. Er soll die Sünden der Verstädterung und der sich immer stärker verdichtenden Infrastruktur ausgleichen, gleichzeitig Lebensmittel zu Weltmarktpreisen erzeugen bei möglichst geringer Belastung der Umwelt und auch noch wirtschaftlich mithalten können. Klimaschutz, Freizeitmöglichkeiten für gestresste Büromenschen, Rückzugsgebiet für bedrohte Arten, Auffangbecken für den Hochwasserschutz... die Aufzählung der Funktonen ließe sich beliebig erweitern. Klar, dafür erhält er doch Zuschüsse von der EU, den nationalen Regierungen, den Ländern usw... Doch bei einer ehrlichen Bilanz dürften die Zahlungen nicht ausreichen, um alle Ansprüche der Gesellschaft zu erfüllen.

 

Im Gegensatz zu den Städten und den großen Verkehrswegen steht die ländliche Infrastruktur immer noch weitgehend kostenlos zur Verfügung ebenso wie die von der Allgemeinheit beanspruchte Natur. Daher sollte es selbstverständlich sein, alle zusätzlich an die Landwirtschaft gestellten Forderungen dauerhaft zu entlohnen, ohne befürchten zu müssen, dass die Zahlungen wegen Geldmangel gekürzt werden.

Viele Betriebe arbeiten aktiv im Vogelschutz mit und haben sich dadurch neue Einkommensquellen erworben. Doch immer noch fällt es vielen Landwirten schwer, sich für betriebsfremde Ziele, wie z. B. den Erhalt seltener Arten, zu erwärmen. „Wir haben die Zusammenarbeit gesucht", erklärt Wim ter Keurs, Leiter der Abteilung für Umweltbiologie an der Universität Leiden (Niederlande). Ziel war die Stabilisierung der Bestände zahlreicher Wiesenvogelarten mit Unterstützung der Landwirte.

Mittlerweile haben viele niederländische Landwirte den Vogelschutz zu einer Art Betriebszweig entwickelt, den sie genauso gewissenhaft betreuen wie beispielsweise ihre Milcherzeugung. Gelungen ist dieser Wechsel durch ein von Wim ter Keurs und seinen Mitarbeitern ersonnenes Bezahlungsschema, das den Landwirten einen echten Anreiz zum Mitmachen bietet. ,,Statt Restriktionen zu kompensieren, bezahlen wir sie für das Auffinden und den Schutz der Gelege". Ziel ist es, die Nester vor dem ersten Schnitt bzw. Weidegang zu markieren. Um ein Zertrampeln durch die Kühe zu vermeiden, wird ein Drahtgestell um die Gelege gespannt. Die Höhe der Zahlung hängt von der Vogelart ab. Für den selten gewordenen Kampfläufer erhalten die niederländischen Landwirte bis zu 180 Euro pro Nest; der Schutz eines Kiebitznestes bringt 11 Euro ein. Die Gesamtsumme orientiert sich hauptsächlich an den Arbeitskosten und bietet eine Anreizprämie von zusätzlichen 15 %.

Wegen der Maul- und Klauenseuche hat Henk Nell, Milchviehhalter aus dem niederländischen Wassenaar, die Nestsuche dieses Jahr selber übernommen. In den Jahren zuvor überließ er die Arbeit ehrenamtlich tätigen Feldhütern. Er hat schnell herausgefunden, wie er die Ansprüche des Vogelschutzes mit den Anforderungen des eigenen Betriebes vereinbaren kann. Er mäht bis zu zwei Meter breite Keile um die Gelege herum und setzt dort zur Düngung Festmist ein. Das lockt die Wiesenvögel an. Gelegentlich werden aus arbeitswirtschaftlichen Gründen einzelne Nester versetzt, was den Bruterfolg nicht mindert. Der Landwirt hat sich mit der Aufgabe so stark identifiziert, dass er noch weitergehende Naturschutzarbeiten übernehmen will.

Ähnlich gut gedeiht die Zusammenarbeit in Großbritannien, wie sich am Beispiel des Triel zeigt. Der vom Aussterben bedrohte Zugvogel kommt nur noch in wenigen hundert Brutpaaren vor, die sich auf fünf Regionen verteilen. ,,Die Landwirte sind sehr engagiert, wenn sie wissen, worauf es ankommt", betont Mike Austin von der Königlichen Gesellschaft für Vogelschutz (RSPB). Das Inselreich hat wie die meisten europäischen Staaten seit den 70er Jahren einen dramatischen Rückgang vieler Vogelarten verzeichnet. ,,Weniger bekannt ist, dass viele dieser Vögel aus Zentralasien stammen und sich mit der Entwicklung des Getreideanbaus nach Europa ausbreiteten", so Paul Donald vom RSPB: ,,das heißt, sie kommen in erster Linie auf Ackerbaustandorten vor".

Leider sinkt mit dem Bekämpfen von Unkräutern und Insekten auch die Zahl der Bruten, weil die Vögel ihre Nahrungsgrundlage verlieren. Deshalb sind im Rahmen der britischen Landschaftspflegeprogramme neue Optionen speziell für Ackerbaubetriebe aufgenommen worden. Mit Beginn 2002 erhalten die Farmer Geld, wenn sie die Stoppel über Winter stehen lassen, oder die Fläche stilllegen.

Nicht immer sind Anstöße von außen nötig. ,,Meine Motivation, mich vor 15 Jahren um den Vogelschutz zu kümmern, war die Verbesserung der bescheidenen Jagdstrecke", sagt David Wood von der 120 ha großen Whinney Hill Farm in Northumberland. Für seine Bemühungen zur Förderung des Kiebitz, des Rebhuhns und der Schleiereule erhielt er zahlreiche Auszeichnungen. Dabei versucht er immer, das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden. ,,Da die Uferrandstreifen meistens weniger Ertrag abwerfen, binde ich sie in die Umweltprogramme ein. Finanziell lohnt sich das".

In Frankreich ist die Verbindung zwischen Landwirtschaft, Jagd und Vogelschutz häufig zu finden. Charles und Arnault de Felcourt sind mit ihrem 500 ha-Betrieb Mitglied in einem Jagdinteressenverband (GIC), der auf einer Fläche von 4.000 ha drei Jagdgemeinschaften und 22 Einzeljäger umfasst. Für die Fasanen und Rebhühner führen sie während der Schonzeit eine Reihe von Schutzmaßnahmen durch. Am Ende der Jagdsaison zählen sie fast jedes Jahr einen „Überschuss" an Fasanen und Rebhühnern, aber auch an anderen Vogelarten, die von den Maßnahmen ebenfalls profitieren. Um den Landwirten eine Beteiligung bei der Bestellung von Äsungssaat schmackhaft zu machen, stockt der GIC die Flächenstilllegungsprämie noch um 15 €/ha auf.

In den Elb- und Havelauen wird eine enge Zusammenarbeit beim Gänsemanagement praktiziert. Ziel ist es, die hier im Winterhalbjahr rastenden Gänsescharen auf bestimmte Schläge zu lenken, wo die zu erwartenden Schäden sich in Grenzen halten, z. B. Stoppel- und Zwischenfruchtflächen. Landwirte und Jäger sorgen dafür, dass die Gänse hauptsächlich dort fressen. ,,Die Gänse haben sehr schnell gelernt, wo sie fressen dürfen und wo nicht", berichtet Martina Bartels vom Biosphärenreservat Elbe-Brandenburg.

Vertragsnaturschutz mit dauerhaft kalkulierbaren Anreizprämien ist ein geeigneter Weg, um einen nachhaltigen Vogelschutz zu erreichen. Um die betriebswirtschaftlichen Konsequenzen der Integration von Naturschutzzielen zu ermitteln, die sich in der Praxis ergeben haben, unterstützt das Bundesamt für Naturschutz ein Entwicklungs- und Erprobungsvorhaben auf einem ökologischen Großbetrieb im brandenburgischen Brodowin. Im Gegensatz zu mittelbäuerlichen Betrieben ist der Schutz einzelner Nester organisatorisch nicht durchführbar.

,,Die Betriebe sind so stark rationalisiert, dass sich beim Artenschutz Konflikte ergeben können", erläutert die wissenschaftliche Projektleiterin Dr. Karin Stein-Bachinger, „und die wollen wir lösen. In den meisten Fällen kann ich durch kleine Veränderungen viel erreichen".Das ist zum Beispiel der Ersatz der herkömmlichen Futterbergetechnik mit Mähen, Wenden durch einen Mähaufbereiter. Beim Auflösen von Rundballen sollte vermieden werden, die Netze achtlos an den Feldrändern liegen zu lassen. Nach Erhebungen der staatlichen Vogelschutzwarte von Brandenburg verenden jährlich hunderte von Vögeln, die sich in den Netzen verfangen. Sinnvoll ist ferner die Auswahl von Vorzugsflächen für den Naturschutz. Auf den ärmeren Standorten sind geringere Verluste zu erwarten, wenn der Mähzeitpunkt verspätet ist oder eine mehrjährige Stilllegung eingeschoben wird.

Leider erweist sich der Staat nicht immer als berechenbarer Partner, wie z. B. negative Erfahrungen aus Brandenburg zeigen. Daher ist es für die Betriebe wichtig, mit dem Vogelschutz andere Einnahmequellen zu erschließen.

So lockt Brodowin immer mehr Naturliebhaber an. ,,Dieses Jahr kamen 50 % unserer Gäste wegen der Naturschönheiten",

sagt Sigrun Stockmann, die in Brodowin eine Pension betreibt Ehemann Werner bietet Führungen zu den Kranichen und den Trauerseeschwalben an. Horst Möhring, Leiter eines ökologischen Großbetriebes in Lenzen an der Elbe, organisiert Verbraucherfahrten für Edeka und Alete, betreut Radwandergruppen und richtet regelmäßig Großveranstaltungen aus. Der größte Teil der 2.600 ha umfassenden Nutzfläche liegt im Biosphärenreservat Elbe-Brandenburg. ,,Ich sehe darin die Chance zur wirtschaftlichen Entwicklung", betont Horst Möhring: ,,Naturschutz und Landwirtschaft sind bei uns im gleichen Haus untergebracht. Unser gemeinsames Ziel ist der Erhalt der Landschaft und der Landwirtschaft".

 

Der RSPB in Großbritannien bietet bereits Produkte an, die damit werben, dass sich die Betriebe intensiv um den Vogelschutz bemühen. Mit über einer Million Mitglieder ist sich der Verband seiner Marktmacht bewusst.

Der schwedische Rindermäster Torbjörn Eriksson ist bei der Naturschutzorganisation WWF gelistet. Damit werden seine Bemühungen anerkannt, der Vogelwelt mehr Areal einzuräumen. An den Ufern des Tysslingen-Sees westlich von Örebro rasten tausende Singschwäne auf ihrem Flug nach Finnland und Russland. ,,Das lockt zahllose Besucher an", sagt Eriksson, die bei ihm auch Fleisch einkaufen: ,,Die Anerkennung durch den WWF ist einen Mehrpreis von 15 bis 20 % wert".

(Quelle: „Flur und Furche")

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